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Es reicht nicht
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Behinderung und Wirtschaftskrise

Als Mutter eines behinderten Sohnes weiß ich die Unterstützung durch die öffentliche Hand zu schätzen. Krankenhäuser, therapeutische Einrichtungen, heilpädagogische Kindergärten, Horte und qualifizierte Sonderschulen fördern die Entwicklung der Kinder und ermöglichen eine fast „normale“ Lebensgestaltung der betroffenen Familien. „Keine Frage“, dachte ich bisher, „behinderte Menschen sind den Politikern in OÖ ein großes Anliegen“.
Die Erfahrungen der letzten Zeit allerdings lassen mich an dieser Einstellung zweifeln. Immer wieder stoße ich auf Antworten wie „kein Geld“, „kein Budget“, „die Wirtschaftskrise“. Projekte zur fähigkeitsorientierten Betreuung beeinträchtigter Menschen, wie z.B. die „Lebenswelt Pinsdorf“, ein Projekt für mehrfachbehinderte Hörgeschädigte, werden nicht umgesetzt. Eltern und Kinder wissen nicht, wie sie das Leben weiterhin organisieren und gestalten können. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf dürfen zwar bis 18 die Schule, aber nur mehr bis 16 den heilpädagogischen Hort besuchen. Was machen Eltern von Kindern, die ständig betreut werden müssen? Bereits im April ist das Stundenbudget für „Persönliche Assistenz“ für das ganze Jahr 2010 aufgebraucht. Die Eltern werden allein gelassen. „Kein Geld – die Wirtschaftskrise“ – Sind beeinträchtigte Menschen ein Luxus, den man sich nur in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs leisten kann?

A. Meixner, Leonding


Das Leben soll einziehen
Für hörgeschädigte mehrfach behinderte Menschen wurde in Pinsdorf eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft mit 12 Wohnungen und 20 Arbeitsplätzen geplant und auch gebaut.
Heuer sollte diese wichtige Einrichtung eröffnet werden, viele betroffene Personen warten bereits. Wegen der Wirtschaftskrise wurde das Projekt gestoppt. Die Räume bleiben leer und ungenutzt – und alle warten weiter.

Als Eltern einer hörgeschädigten mehrfach behinderten Tochter ist das ein harter Schlag. In der „Lebenswelt Pinsdorf“ sollten mehrfachbehinderte Hörgeschädigte ein unterstütztes, selbstbestimmtes Leben in einer Gemeinschaft erfahren.
Die Praxis zeigt, dass Menschen, die keine Aufgabe haben oder falsch betreut werden, mit der Zeit oft Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, die dann wieder kostspielig therapiert werden müssen, da wäre es doch sicher besser, gleich eine optimale Betreuung zu ermöglichen.

Bis 18 Jahre kann unsere Tochter die Schule besuchen, den sonderpädagogischen Hort muss sie aber, wegen Kürzungen finanzieller Mittel, jetzt schon mit 16 Jahren verlassen. Was dann? Am Arbeitsmarkt hat unsere Tochter leider keine Chance.

Alle Eltern behinderter Kinder haben unter Zurückstellung ihrer eigenen Bedürfnisse gerne und jahrelang ihre Kinder begleitet. Doch Eltern leben nicht ewig, auch für diese Kinder kommt der Zeitpunkt, ein eigenes Leben führen zu müssen.

Trotz der Wirtschaftskrise, kann es keine Lösung sein dieses Problem zu ignorieren.
Auch Menschen mit ihren Beeinträchtigungen müssen die Chance auf ein lebenswertes Leben haben und die „Lebenswelt Pinsdorf“ würde ihnen diese Möglichkeit geben. Warum kann jetzt nicht die Tür aufgemacht werden und das Leben einziehen?

Jutta und Arno Ploier, Wels

Zukunft?!
Wir sind Eltern eines schwer mehrfachbehinderten, hörbeeinträchtigten Mädchens.
Obwohl es manchmal Zeiten gab, in denen wir physisch und psychisch an unsere Grenzen gelangten, und überfordert waren, war es für uns nie ein Thema, unser Kind in eine Behinderteneinrichtung zu geben.

Unsere Tochter kann jetzt hoffentlich noch 3 Jahre, bis sie 18 ist, in die Schule gehen, aber was ist dann? Jeder wünscht sich für sein Kind eine sichere und schöne Zukunft. Unsere Kinder sind abhängig von anderen, können sich ihr Leben nicht selbst richten. Und wir Eltern werden nicht jünger, körperliche Probleme stellen sich jetzt schon ein. Irgendwann werden wir den Alltag nicht mehr so bewältigen können.

Dass einem da angst und bange wird bei der jetzigen Situation bezüglich der Grundversorgung beeinträchtigter Menschen, brauchen wir wohl keinem sagen.
Ja, wir haben wirklich Angst vor der Zukunft. So wie alle Eltern wünschen wir uns auch für unsere Tochter, dass sie einmal außer Haus gehen wird, ihr Leben führen kann, nach ihren Möglichkeiten beschäftigt wird (damit die jahrelangen Therapien nicht umsonst waren), weiter soziale Kontakte knüpfen kann, und einen Wohnplatz hat, in dem sie sich wohl, sicher und geborgen fühlt.
Und nicht erst dann, wenn wir so alt sind, dass wir nicht mehr können!  

W. und M. Friesenecker, Linz